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Contributors: Alexander Rabl (Text) +++ Stefan Fuhrer (Layout)+++
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Sonntag, 11. März 2012

Dr. Schiwago und das Blutwurstpulver


Die Rote Wand im Lecher Ortsteil Zug präsentiert sich von außen als romantische Unterkunft, hat aber ein komfortables Innenleben nach den neusten Entwürfen der Architektur und Technik. Im Restaurant des Hauses führen sie eigentlich zwei Restaurants. Das eine, traditionsverbunden, bietet nach Vorbestellung mehrere Ausführungen des Themas Fondue an. Während das andere, das mich naturgemäß mehr interessiert, sich der modernen Küche verschrieben hat. Als mir der gut disponierte Ober zum Aperitif einen Wein einschenkt, der auf den Namen "Schiwago" hört, was sich aus den Anfangssilben der Worte Schi, Wandern und Golf ergeben hat, streuben sich noch nicht meine Nackenhaare, die sonst ein zuverlässiger Indikator beim Auftreffen auf Schickimicki-Gastronomie sind. Der Wein schmeckt leider gar nicht, so entsäuert wie er wurde, hat er den Reiz eines kastrierten Katers. Ansonsten ist die Weinkarte ausgesucht und reichhaltig bestückt, allerdings auch so kalkuliert, dass nur der Oligarch bedenkenlos daraus bestellen kann. Wir nehmen einen Morey St.Denis von Dujac 2005, der sich als recht robuster Bursche erweist. Mit der Küche weiß ich vom ersten Augenblick nicht viel anzufangen. Schon ja, der Chef kann kochen, aber was stellt er da mit seinem Talent an? Kaum ein Gericht, wo er sich nicht als Liebhaber von Verpackungen in Form von knusprigen Teigen, Brösel, Pasta oder gelierten Flüssigkeiten erweist. Das macht zum Aperitif noch Spaß, wenn man in ein "russisches Ei" beißt, das mit Salzburger Kaviar gekrönt wurde, doch schon beim Amuse Bouche ist es zuviel der gefüllten, gebackenen Sachen, die vor allem nicht davon abkenken, dass die gereichte Karottensuppe ganz schön langweilig geraten ist. Eine Consommé mit Bergkäse erweist sich gut gelungen, aber warum lässt man sie nicht wie sie ist und gibt ein hertes Pastetchen vom Bries hinein, dessen Geschmack dem Käse keine Chance lässt. Bodenseezander mit Blutwurst liest man im Menü. Der Fisch ist ordentlich gebraten, aber statt einer rustikalen Scheibe Wurst gibt es Bluzwurstpulver (!), was sehr befremdlich schmeckt. Auch der Paprika - wieder in Knusperröllchen verpackt - will nicht so recht dazu passen. Ein Sauerkleesorbet erweist sich als einziger Gang ohne Kritikpunkte. Denn zu den kleinen Stücken von der Gamsschulter gibt es eine Creme von Ofenkartoffeln, die wiederum in gebackene Kartoffelwürfclchen gehüllt ist. Danach noch einmal Gams, diesmal der Rücken (tolles Produkt), eingehüllt (natürlich) in etwas klein geackten Speck, begleitet von einem lustigen Espuma aus Reisetbauers Williamsbirne. Lobenswert ist das Bemühen, nur Bergkäse anzubieten. Detto das Dessert, eine Apfeltarte mit nicht zuwenig Vanillesauce. (ar)


Samstag, 10. März 2012

Britische Dezenz in Lech: Kristiania


Das Hotel, das von außen den Charme der Siebziger verströmt, liegt auf einer kleinen Anhöhe. Was soll daran besonders sein, frage ich mich. Doch drinnen hat Getraud Schneider mit Hilfe ihrer Mutter Sammelleidenschaft ein von warmen Farben, Kunst und mit Wissen zusammengetragenen Möbeln ein Refugium für Gäste geschaffen, denen das Laute und Protzige widerlich ist, wobei man in Lech nur selten auf derlei Offensichtlichkeiten stoßen wird. Das Zusammenspiel von Steinböden aus alten Zeiten und neuzeitlich gedeckten Tischen, die Bar, alles das lässt den Gast von der ersten Minute an sich zu Hause fühlen. Der Barkeeper ist ausgezeichnet, überhaupt ist die Barkultur des Ortes vergleichbar mit Hamburg, München oder Wien. Es sind die besten Keeper, die hier Saison haben, und für ein verständiges Publikum nicht nur Gin Tonics zubereiten. Die A-la-carte-Abteilung des Hauses ist winzig, ein paar Tische mit gutem Blick über das nächtlich beleuchtete Lech. Dom Perignon als Aperitif ist obligat und als ich mit Sabrina, der Sommeliere plaudere, kriege ich einen ersten Eindruck von der Philosophie des Hauses. Vom Besten sollte es halt irgendwie sein, aber ohne viel Aufhebens, bitte. Eine Weinfolge wird es zum Essen geben, wie sie nicht einmal am Arlberg selbstverständlich ist. Ein roter Burgunder gleich zum zweiten Gang, ein Semillon aus Bordeaux, ein herrlicher Barolo. Noch eine Woche in Lech und ich habe mich daran gewöhnt und kann nicht mehr nach Ostösterreich zurück. Andererseits: wäre das so schlimm? Der Küchenchef hat sich der Moderne verschrieben. Vieles, was gerade en vogue ist, kommt im Kristiania auf den Teller, allerdings mit Kenntnis und Geschmack zubereitet. Schon beim Gebäck sage ich wow. Sie haben wirklich die herrlichen Flutes, die französischen Minibaguettes, die gemeinsam mit etwas Butter zum festlichen Ritual eines guten Essens gehören. Das erste Amuse Bouche, bestehend aus dem Modegemüse Blumenkohl vulgo Karfiol in verschiedenen Texturen mit Mandelpulver gibt es auch für Pensionsgäste, und ich schließe daraus, dass die Halbpension des Kristiania so wie die der Post oder des Burgvital zu den besten in Lech gehören muss. Sehr gut gefällt das Beef Tatare mit Petersilcrème vulgo Espuma und Artischoken. Auf den nächsten Gang war ich besonders gespannt: Mont d'Or mit Schwarzwurzeln und Dashibirne. Ein Käsegang an einer ungewöhnlichen Stelle im Menü, aber doch sehr gelungen, wenn man von den extrem al dente gegarten Wurzeln absieht. Saibling aus dem Lecher Fischteich gibt es als nächstes, mit einer delikaten, runden Sauce, winzigen in Safran gegarten Karfiolröschen, Mandeln und allerlei an delikaten Begleitern. Das gefällt. Beim Sandwich von der Kalbsstelze, der nichts anderes ist als eine Art Confit in zwei winzigen, getoasteten Schwarzbrotscheiben stelle ich fest, das mit dem Würzen da und dort sehr zurückhaltend umgegangen wird, was aber nicht soviel macht, wenn es auf das Gericht schwarze Trüffel geregnet hat und die grünen Bohnen samt Bohnenkraut so gut schmecken wie sie es hier tun. Jean Francois, der Patissier, muss ein kleines Genie sein, denn die Schokoladeschnitte, eine Art Marsriegel mit Bananeneis und Popcorn ist außergewöhnlich gut, wie auch das zweite Dessert vom Apfel. Ein dezent luxuriöses, kosmopolitisches Haus. Ein bißchen britisch halt, wie viele der Gäste. (ar)

Dienstag, 6. März 2012

Der untertriebene Luxus des Gasthof Post


Woran erkennt man ein wirklich gut geführtes Haus, eine mit Bedacht auf jedes Detail achtende Küche? Ich esse auf der Terrasse des Gasthofs Post einen Schweizer Wurstsalat und sage: Am Schweizer Wurstsalat sollt ihr sie erkennen. Perfekt geschnitten, gute Ware, gekonnt mariniert, stilvoll serviert. So will ich es. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Dichte an hervorragenden Hotels und Restaurants in Lech am Arlberg ihresgleichen in Europa sucht. Zu den besonders hervorragenden Häusern zählt der Gasthof Post. Hier pflegt die Familie Moosbrugger seit Generationen einen 5-Sterne-Luxus ohne einen Hauch von Vulgarität oder Größenwahn, wie man beiden in den Alpen leider nur zu oft begegnet. Schon das unscheinbare Portal des Hotels deutet an, womit es der Gast zu tun bekommen wird, und Understatement herrscht auf allen Ebenen, sogar die Bäder mit eingeschleuster Dampfbadkabine und Wirlpool tun so, als wären sie das Selbstverständlichste auf der Welt. Ohne viel Aufhebens hat Florian Moosbrugger auch eine Servicemannschaft um sich geschart, die den Gast auf Händen trägt, ohne dass der den Boden unter den Füssen verliert. Als ich vor vielen Jahren in der Poststube einen winterlichen Tee nahm, war ich erstaunt über die Zeremonie, mit der heißes Wasser mit Kräutern zu einem Hochamt werden kann. Später verstand ich, warum das so ist, ja, so sein muss. Die Familie Moosbrugger hat seit immer schon einen hohen Anteil an britischen Gästen, weshalb man sich um die Einhaltung gewisser Riten bemüht, die von der menschlichen Zivilisation nicht mehr wegzudenken sind. So bittet man jeden Tag um vier Uhr zum Tee für Hausgäste, feinste Sandwiches und ein göttlicher Topfenstrudel included. Gestern Abend bat die Familie Moosbrugger also zum Cocktail. Es war ein diplomatischer Empfang ohne Staatsvertreter. Die Gäste im feinsten Zwirn hielten Sektgläser in der Hand, die mit dem Schaumwein Michael Moosbruggers gefüllt waren, der auf Schloss Gobelsburg eines der besten Weingüter des Landes führt. Sandra und Florian Moosbrugger, drei Generationen, Christl Moosbrugger als stille Teilnehmerin, moderierten zwanzig Minuten lang, über die Aktivitäten in der kommenden Woche geplant seien. Zweisprachig. Am Mittwoch geht es nach dem Essen zum Curling, wobei - gang britisch - der Gewinner den Verlierer zum Glühwein einladen darf. Donnerstag wird es eine Weinverkostung geben. Die Zeremomie hat etwas Unvergleichliches, ein familiäres Ritual, wie man es um die vorige Jahrhundertwende in den großen Hotels der Welt gepflogen haben muss. Am Schluss wurde die silberne Medaille für zehn Jahre Post-Treue an einen Gast verliehen. Ein Ansporn für die anderen. In einer Zeit, wo in anderen Tophotels, die von ahnungslosen Controllern aus der Konzernzentrale geführt werden, die Hoteldirektoren wechseln wie die Jahreszeiten, ist es ein echtes Vergnügen, der Familie Moosbrugger bei ihrem Wirken zuzusehen. Am Abend davor lernte ich in der Poststube, dem à-la-carte-Restaurant des Hotels, wie Michael Spirk, Küchenchef, der nun auch schon seit ein paar Jahren im Amt ist, mit dem leichten Druck der Tradition dieses Hauses umgeht. Moderne ohne Moderinismen. Niemand kann der Karte vorwerfen, sich zu sehr aufs gestern zu konzentrieren. Da war eine Komposition aus roten Rüben in verschiedenen Aggregatszuständen mit Wälderkäse und Erwin Gegenbauers hocharomatischen Johannisbeerkernöl - quasi der Lecher Gegenentwurf zum im Sommer allgegenwärtigen Caprese. Ravioli auf cremigem Spinat und reichlich schwarzer Trüffel gefielen sehr, eine Kombination aus Karotten und Bergamotte nicht minder, allerdings hatte das Tatar von der Zuger Lachsforelle gegen deren kräftige Aromen wenig Chancen. Wunderbar eine intensive Sauce aus Krustentieren, die zu Garnele und Seeteufel gereicht wurde, eine Freude das Filet vom Hirschen. Hirsch oder Reh müssen sein, denn überall im Haus begegnet man den Trophäen aus einer langen Geschichte der freundschaftlichen Beziehung zur Jagd. Auch der Weinkeller ist voller Trophäen. Die gastfreundlich bemessenen Kalkulationen der Weine machen es schwer, nicht noch weitere eine Flasche zu bestellen. Und Maitre-Sommelier Gernot II (Gernot I ist der Vater von Stefan Brandtner aus Salzburg) hat auch gar nichts dagegen einzuwenden. Montrachet oder Meursault - warum nicht beide? (ar)

Donnerstag, 23. Februar 2012

Gast und Kunstmäzen




AO& sind nach gewohnten Kriterien, mit denen wir uns der Beurteilung eines Essens oder eines Lokals nähern, nicht fassbar. Restaurant gibt es nämlich keines. AO& treten mit ihrer Profiküche einmal in Containern, dann wieder in Galerien oder in unbenutzten Innenstadt-Katakomben auf. Zu essen gibt es ein streng den saisonalen Bedingungen gehorchendes Menü, das traditionellerweise mit einem Glas Leitungswasser und einer warmen Brühe aus Wurzeln eingeleitet wird. Diese Art Anti-Amuse-Bouche ist mittlerweile zu einem Signature-Dish avanciert, fixer Bestandteil eines Essens, das, sagen wir es so, auf seine Art bemerkenswert ist. Den Regionalismus in der Küche haben AO& auf die Spitze getrieben. Wenn ich jetzt vermute, dass Philipp, der Gründervater der Idee, jede Karotte und jede Rübe, die er zum Salat verarbeitet, beim Namen kennt, liege ich wohl nicht vollkommen daneben. Der Stammbaum der Flugente, aus deren Karkassen eine köstliche und mit Chili mutig gewürzte Suppe gewonnen wurde, ist den jungen Menschen an den Kochtöpfen wohl ebenso fremd wie das CV des Mangalitzaschweins, auf das ich noch zu sprechen komme. Interieurmäßig eher nach innen gekehrt ist das Ambiente, in dem das Menü etwa zwanzig Gästen serviert wird, die auf einem ungedeckten Tisch auf Eisenbänken Platz nehmen. Brot und Butter wird es erst zu einem späteren Zeitpunkt geben. Jetzt wird einmal gegessen. Die Weine kommen vom großartigen Weingut Moric und immerhin in perfekt geeigneten Gläsern von Zalto. So entdeckt auch der anspruchsvolle Esser hier keinen Kritikpunkt und freut sich, wenn er an der Kargheit dieses Happenings Spaß findet, an den kleinen Details, die jeden Gang zum Vergnügen machen. Ein kleines Schälchen ist da, darin dünne rohe Scheiben von Karotten und gelben und roten Rüben, Topinambur, rotes Paprikapulver, etwas Haselnuss und getrocknete Birne. Es erinnert etwas an die mit der Pinzette angerichteten Amouse-Bouches bei Ducasse in Monaco, die aus Salat und Rohkost bestehen. Schade nur, dass Artischoken in Österreich gerade nicht Saison haben. Nächster Gang: die erdigen Gemüse von vorhin, allerdings gekocht, gebraten angereichert mit Topinambur, die Birne ebenfalls da, allerdings diesmal gedünstet in einem köstlichen Saft. Grobes Selleriepüree. Ruft da jemand am Tisch nach einem Schnitzel? Nein, die Tischgesellschaft, die sich aus Designern, Kreativen, kulinarischen Existenzialisten und ähnlichen Gestalten zusammensetzt, isst, was auf den Tisch kommt. Der nächste Gang hat wieder Gemüse, eine Scheibe gegrilltem Frischkäse von der Kuhmilch und eine entfernt an Sterz erinnernde Masse von etwas, das angeblich als Schweinefutter verwendet wird, dazu eine Scheibe Lardo vom Manalitzaschwein und Linsen. Der Mensch isst sich durch die Nahrungskette. Wurzeln - Gemüse - Getreide - Milch - Innereien - Fleisch. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich, auch dank des Weins, der großzügig herumgereicht wird. Nach fünf Tellern eine erste Andeutung von Fleischlichem: Entenleber mit Mohn und einer Blutorangenscheibe, sehr gut. Die Nichtvegetarier am Tisch fassen Mut. Wir wechseln vom weißen Hauswein, der aus 90 % Veltliner und 10% Chardonnay besteht, zum Blaufränkischen. Eine Scheibe von der Flugentenbrust mit Pilzen, dazu auch ein gebratener Erdäpfel und ein schöner Auszug aus den Aromen von Pilz und Ente, wobei die Brust durchwegs muskuläs ist, sodass nach dem Herumkauen auf einer Scheibe der Appetit auch schon gestillt ist. Jetzt also das Schwein. Stücke davon wurden zart gedünstet, der Saft riecht und schmeckt nach den unverfeinerten Bratensäften aus der Hausfrauenküche, ein Auszug aus lokalen Gewürzen unter Verzicht auf cross-over-artige Einflüsse. Die Aromen kommen hier von den Gemüsen, kernweich gekochten Teigwaren und Bergkäse, der in das warme Gericht hineinschmilzt. Das ist gut, sogar sehr gut und ich kann es mir nicht leisten, von dem Saftl, das am Ende mit den Aromen von Rüben, Fleisch und Käse getränkt ist, einen Tropfen zurückgehen zu lassen. Man hat uns gewarnt, dass ein Teil des Menüs an einem anderen Ort serviert würde, zu dem sich die Tischgesellschaft zu Fuß begeben werde müssen. Geduldig leeren wir unsere Gläser und schlüpfen in die Wintermäntel. Wie gut, dass es draußen jetzt nicht stürmt oder eisregnet. Wie klug auch von den Damen, nicht in High Heels zu diesem kulinarischen Happening erschienen zu sein. Eine Viertelstunde gehen wir in schnellem Tempo durch eine Gegend, von der ich zu Recht behaupten kann, dass man sie nicht kennen muss. Ein aufgelassenes Fabriksgebäude. Fünf Stockwerke zu Fuß. Die Räume sind hoch, nach drei Stockwerken bin ich überzeugt, das gerade verzehrte Menü bereits abgearbeitet zu haben. Es riecht nach Textilfertigung. Ein kleiner Raum, diffuses Licht. Hier findet nun der finale Akt des Abendessens statt, der in einer Platte mit Käse aus Vorarlberg und einem Ziegel Rohmilchbutter sowie einer Holzschüssel besteht, in der es wirklich gutes Brot aus der Bäckerei Josefs Brot gibt. Froh, die fünf Stockwerke hinter sich zu haben, durstig auf Velichs Rotwein und glücklich über den ersten Bissen des mit ordentlich Butter bestrichenen Käsebrots stellt man sich manche Fragen gar nicht erst. Zum Beispiel die, ob es in Wien nicht spannendere Locations gibt als eine aufgelassene Fabrik, wie du sie in Berlin oder in der Vorstadt von London womöglich auch findest. Nächstes Mal wünsche ich mir AO& in einem ausgelassenen Swimmingpool eines Hallenbades oder in einem abgefuckten Palais einer verarmten Patrizierfamilie. Ist es Kulinarik, ist es Kunst? Der angenehm gefüllte Magen weist dann doch eher auf ersteres hin. Der Preis für den Abend wiederum lässt mich kurz das schöne Gefühl des Mäzenatentums spüren. 100,- pro Person. Rechnung gibt es keine. (ar)


www.aound.net

Samstag, 18. Februar 2012

Unterirdisch





Brauchst du abends etwas Ernüchterung, einen kleinen Ärger einfach vor dem Zubettgehen, dann schau doch in die Albertina Passage. Der Doorman sieht aus wie die Bedauernswerten, die in den Filmen mit Jean Reno oder Daniel Craig schon in den ersten zehn Sekunden verprügelt werden. Das erweckt Mitleid, aber nicht Sympathie. Drinnen rempeln Erwachsene mit halbwüchsigem Benehmen beim Anstellen an der Garderobe. Wir, durstig und guter Dinge, lassen die Garderoben links liegen und betreten durch einen schlauchartigen Gang das Lokal. Ein weißes Klavier, unbesetzt, eine leere Bühne, dafür undefinierbare Musik aus der Dose. Die Freunde warten. Doch mir bleibt gerade zum Hallo-Sagen Zeit, denn eine groß gewachsene Dame in Schwarz nähert sich und fordert auf, den Mantel an der Garderobe abzugeben. Warum? Der Chef will es so. Wo ist der Chef? Igendwo. Er will es so. Man könnte ja die Mäntel auch dezent neben den Bänken ... Nein? Ich kriege diesen österreichuntypischen Appetit auf Servicierung, der mich auch auf Autobahntankstellen als einziger auf den im unverschämten Spritpreis inkuldierten Tankwart warten lässt. Sage also, wenn die Mäntel hier nicht reindürfen, dann können man sie gerne zur Garderobe bringen lassen. Spätestens um diese Zeit taucht dann in Lokalen, die wirklich internationales Niveau haben und es sich nicht einfach nur anmaßen, ein Servicemitarbeiter auf, nimmt den Gästen die Mäntel ab, bringt sie zur Garderobe und kommt mit dem Garderobenzettel zurück.Geht nicht, so die Große. Wir müssen die Mäntel selbst hinbringen, uns selbst anstellen. Warum? Weil es nicht geht. Schnell ist entschieden: Dann gehen wir. Wie Buben, die sich nicht benehmen können, werden wir von der Lehrerin zum Ausgang eskortiert. Ich frage mich jetzt: Sahen wir aus, als ob wir einen gespritzten Apfelsaft bestellen würden oder randalieren, dass wir behandelt werden wie 14-Jährige in der Landdisco? Vielleicht ist es so, immerhin ist ein Haken meines Tufflecoats abgerissen und das Lederband mit der weißen Schnur hängt gefährlich weg, als hätte ich mich gerade auf der Straße geprügelt. Aber es könnte ja trotzdem sein, dass wir gerade im Internet eine Milliarde verdient haben. Oder, wenn ich das Publikum hier richtig verstanden habe: dass der Papa gerade eine Milliarde gemacht hat. Andere Frage: Casht die Albertina Passage jeden Abend so viel, dass sie es sich leisten kann, mit Gästen umzugehen wie eine Landdisko in Tamsweg, mit Gästen, von denen man ja nie wissen kann, ob sie nicht gegen elf Uhr abends noch Lust auf ein paar Flaschen Roederer Cristal kriegen? Oder ist es einfach Wien, wo das Bemühen um Niveau mit wenigen Ausnahmen fast nie übers Kellergeschoß hinauskommt? Eigentlich wollte ich über das Essen in der Albertina Passage schreiben. Das spare ich mir jetzt mit der Ergänzung, dass es laut verlässlichen Informanten nicht besonders sein soll. Aber dem "Chef" (ich meine damit nicht Reinhard Gerer, der angeblich fürs Küchenkonzept verantwortlich ist), der die Gäste bei der Garderobe warten lässt, ist das wahrscheinlich so gleich wie es mir ist, wenn ich die Angelegenheit, sagen wir, von Hong Kong oder Buenos Aires oder vom Mars aus betrachte (ar)

Donnerstag, 16. Februar 2012

Dem Franzos einen Stoß

Der milde Hass der Österreicher auf die Franzosen kommt ja nicht von ungefähr. Marie Antoinette, Napoleon, Versailles, die Sanktionen. Dieses über Generationen währende Mißtrauen, um nicht zu sagen, Angst oder Antipathie macht den Frankreich-Urlaub fast österreicherfrei. Ein Vorteil. Doch ich verliere mich in Details. Kommen wir zur Sache, zur französischen Küche in Wien. Was soll man dazu sagen: Bonjour Tristesse. Vor ein paar Monaten haben sie uns etwas Neues eröffnet. Französische Bistroküche im gekachelten Ambiente eines kleinen Ladens im Palais Ferstel. Beaulieu heißt das kleine Lokal und von Anfang an waren alle begeistert. Ich war dann einmal dort, bestaunte die Auswahl an kleinen, wohlfeilen Weinen und andere Spezereien aus französischer Produktion. Dann bestellte ich einen Aperitif, irgendwas mit Champagner und Pastis. Ich hatte vorher noch nie von dieser Kombination gehört und das, wie ich mir sagen musste, vollkommen zu Recht. Das Zeug schmeckte nämlich scheußlich. Auf der Karte las ich dann, dass es zu allem und jedem auch Baguette gibt, was in keinem französischen Bistro oder Restaurant eine Erwähung wert wäre. Ich ging. Vor kurzem ein zweiter, diesmal ernsthafter Versuch. Das Lokal voll ein Austernbecken. Der Service ausnehmend freundlich. Wir dürfen vor der Vitrine Aufstellung nehmen, auf den frei werdenden Tisch warten, und bestellen erst einmal Rosachampagner und eine Quiche gegen den aufkommenden Hunger, die da in der Auslage liegt. Der Champagner kommt in Sektschalen, die Quiche ist ausgesprochen gut, sodass wir uns an eine weitere Sache wagen. Gänseleberparfait, das allerdings eine Dame, die wohl eine Katze zuhause hat, an die Erzeugnisse von Sheba erinnert. Ich selbst besitze ja nur Stofftiere, kann mir aber ausmalen, dass der Vergleich nicht als Kompliment gemeint ist. Der Tisch wird frei. Wir bestellen eine Dose Sardinen, etwas von der Bueurre d'Isigny und Baguette, dann ein paar Hauptspeisen. Bei Sardinen, bei der Butter aus Frankreich und beim Baguette kann fast niemand etwas falsch machen, also machen sie auch im Beaulieu nichts falsch. (Man muss das aber relativieren. Die meisten Baguettes in den Wiener Restaurants sind lasch oder trocken, die Butter schmeckt nach gar nichts.) Die Hauptspeisen dann eine Aspern-artige Niederlage. Das Faux-Filet (auf deutsch Beiried) kommt auf matschigen Bratkartoffeln und ist zäh wie die sprichwörtliche Schuhsohle. Unessbar. Eine Lammstelze ist roh, zäh sind beide, ein Couscous ist lauwarm und würzlos. Wir haben schon die dritte Flasche in Arbeit, einen Sehr-OK-Roten aus der Rhonegegend zum Preis von 15,-, aber das nimmt uns nicht die Sicht auf die Realität. Und die Realität ist: wenn ich in Wien akzeptabel französisch essen will, bleibt mir leider weiterhin nur Schwechat. Ich meine den Flughafen. (ar)

Mittwoch, 15. Februar 2012

Neulich am Wallersee






Gerade unter Buchstabenträgheit leidend. Über das wunderbare Fischrestaurant Winkler zu erzählen habe ich außerdem schon oft genug gemacht. Sagen wir es so: Fisch ohne Schick und krude Ideen, wie es die Salzbourgoisie liebt. Kein Seeteufel, keine Jakobsmuscheln. Auch ich ziehe gerne mein geistiges Lodenjankerl an, wenn ich am Ufer des Wallersees den Anker auswerfe. Die Speisenfolge ist fast immer gleich. Nur die Vornamen der Schnecken, der Krebse und der Fische ändern sich. (ar)

www.winkler.at