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Contributors: Alexander Rabl (Text) +++ Stefan Fuhrer (Layout)+++
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Donnerstag, 1. August 2013

Mein Essen am Eifelturm


Vor 126 Jahren haben sie begonnen, den Eiffelturm zu bauen. Die Wartezeiten auf einen Tisch im Restaurant Jules Verne, betrieben von der Groupe Alain Ducasse, sind nicht ganz so lange, aber beträchtlich. Zumindest waren sie das, als ich die Gelegenheit hatte, dort zu Mittag zu essen. Welches Privileg das ist, wird dem Parisbesucher klar, lange bevor er die Speisenkarte in die Hand gedrückt bekommt. Denn am Platz unter dem Turm gibt es zwei Kategorien von Menschen. Die einen warten bis zu einer Stunde vor der Kassa und dem Aufzug, um irgendwann tatsächlich den Weg nach oben zu schaffen. Da kannst du Mensdorff-pouilly heißen oder Vranitzky und mit dem österreichischen Diplomatenpass wacheln, es gibt kein Vorgelassenwerden. Die andere Kategorie der Gäste findet sich in einem überschaubaren Grüppchen vor einem Extralift ein, der ins Mittelgeschoss führt, direkt zum Empfang des Restaurants.
Ein livrierter Herr am Einlass. "On a une reservation pour …" und schon ist man drin und während die Eiffelturmbesucher der ersten Kategorie immer noch warten, wird man oben bereits vor dem Hauptgang sitzen. Denn das Tempo, mit dem die gut geschulte Servicemannschaft im Jules Verne zu Gange ist, raubt einem fast den Atem. Offenbar wollen sie die Tische nicht nur einmal, sondern dreimal drehen an diesem Mittag. Mir auch recht. Der Hunger ist ohnehin nicht allzu groß. Vielleicht macht das die Höhenluft. Als hätte ich ihn schon im Lift bestellt, steht der Champagner auf dem Tisch. Eine Ausnahmeerscheinung. Die Gäste, die genauso wenig in Paris wohnhaft sind wie ich, leiden wohl alle an einer Alkoholunverträglichkeit, denn soviel Cola und Evian wird in keinem anderen Restaurant der Alain-Ducasse-Kette konsumiert wie hier.

Es amerikanert sehr. Es russelt auch ein bisserl. Die Bekleidung vieler Gäste schrammt an diesem Mittag knapp am Lokalverweis vorbei und ich bemühe mich, meinen Blick von den Kniekehlen einer Mittfünfzigerin abzuwenden und mich auf den Ausblick zu konzentrieren. Dieser ist phantastisch, was aber in diesem Zusammenhang nur am Rande erwähnt werden muss. Mit Überschallgeschwindigkeit wird das Essen serviert, sodass ich erst beim Hauptgang soweit zur Ruhe komme, um überhaupt wahrzunehmen, was ich da esse. Ein Klassiker von Alain Ducasse, für den man in einer etwas feineren Ausführung im Plaza Athenée das Dreifache bezahlt. (Das Jules Verne ist übrigens nicht unverschämt teuer, nur teuer, wie fast alles an der Seine.)

Es ist ein Frikassée vom Bressehuhn mit Flußkrebsen und verschiedenen, sehr jugendlichen Gemüsen, und es ist selbstverständlich delikat.

Weil dem Sommelier an diesem Mittag unerträglich fad ist, um nicht zu sagen, dass er an der Sinnhaftigkeit seiner Existenz zweifeln muss, trinke ich zum Hendl ein kleines Fläschchen aus der Loire. Kaffee, Petit Fours, ob es außerdem noch ein Dessert gab? Doch ja, etwas mit Schokolade und Birne, sehr gut. Ein Höhepunkt ist die Küche im Jules Verne allerdings nicht, aber zum Beispiel im Donauturm in Wien könnten sie sich noch was abschauen.

Runter geht es schneller als nach oben, man kann also durchaus was fürs Leben lernen am Eiffelturm.

Ich steige aus dem Lift aus und bin froh, vorhin nicht Ente oder Boeuf Bourguignon gehabt zu haben. Täusche ich mich - oder stehen die Menschen von vorhin hier immer noch an?

Mittwoch, 31. Juli 2013

Keta-Kaviar in St.Moritz

Keta-Kaviar, also das orange Zeug, das es auch beim Billa und beim Merkur gibt, ist eigentlich genau genommen für das mondäne Alpen-Monaco namens St.Moritz ein No-Go. Der Snob denkt dabei sofort an einen #Aufschrei und hält sich an der Krawatte mit dem Dracula-Club-Logo fest.

Dennoch gab es  Ketakügelchen als Vorspeise zu einem rohen Thunfisch mit Avocado. Nicht vielleicht im Stehinbiss einer Liftstation. Im Talvo by Dalsass gab es das, dem mittlerweile doch recht berühmten Restaurant im Nachbarort Champfèr. Es schmeckte brav und nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Sache mit dem Keta-Kaviar ließ mir keine Ruhe. Muss Martin Dalsass, dessen Lokal sicher eher zu den Kostpieligeren des Oberen Engadins zählt, auf einmal bei den Produkten sparen? Findet sich im Sommer niemand mehr, der für einen Löffel Oscietra 100 Franken oder mehr hinlegt?

Hat ihn am Ende die Lust an der Demokratisierung übermannt, so in der Art: Auch Krisenverlierer aus Italien, Hartz V Reisende oder Blogger sollen sich mein Restaurant leisten können, weshalb ich statt Störkaviar den Billigstdorfer wähle? (Die günstige Variante gibt es um 48 CHF, also die mit den orangen Kügelchen.)

Ansonsten ist das Essen im Talvo sehr in Ordnung, ein rosa gebratener Maibock mit einem Kräutermäntelchen exzellent (warum es Ende Juli noch Maibock heißt, konnte man mir nicht erklären, versicherte aber, dass es sich um keine Tiefkühlware handelte.) Die Sauce dazu, aus Rotwein mit Ribisel und somit von idealer Säure möchte ich auch gerne können. Witzig die Minigemüslein, herrlich das Kartoffelpürée, ein Dalsass-Klassiker.


Was gibt es sonst noch zu berichten? Ich genoss einige Tage die Gastlichkeit des Dorfes St.Moritz, stellte fest, dass die im Palace herrliche Champagner-Drinks hinkriegen (besonders gut: der Rossini mit Erdbeeren), dass mein Zimmer im Monopol gleich hinter dem Palace zwar klein war, aber eine herrliche Aussicht besaß (Nummer wird hier selbstverständlich nicht verraten, ich will wiederkommen), und dass es nicht auf jeder Alm Bündnerfleisch und Capuns (hiesige Spezialität aus Spätzleteig und Mangold, in Milchwasser gekocht) gibt.

Diese gehören allerdings zu den unbedingt probierenswerten Spezialitäten der Region, die sich im Sommer ihrer Engadiner Tradition des gemeinsamen Feste feierns besinnt. Während des Winters sind zu viele Fremde da.

Die Sache mit dem Keta-Kaviar ist schon okay, denn im Sommer bemüht sich St.Moritz auch um den Gast, der nicht im Lamborghini vorfährt. Manche vielleicht an der Grenze zum Too-filthy rich-Niveau angesiedelte Lokale wie das Nobu haben gleich gar nicht offen. Dafür ist in den Zigarrenlounges genug Platz.

Diese verdienen übrigens ihre Namen wirklich und sind mit dem, was es in Österreich oder Italien für rauchende Zeitgenießer im Angebot gibt, nicht in einem Atemzug zu nennen.

Weil Sie gerade fragen: Natürlich gibt es in St.Moritz einen Davidoff-Laden. Er alleine ist die Reise ins Engadin bereits wert.

(ar)

Montag, 22. Juli 2013

Wein und Bergkräuter am Libellensee

Der Libellensee liegt in einem Wäldchen in Oberlech. Er ist kleiner als der Bodensee, aber größer als die Badewanne in meinem Hotelzimmer. Den Namen hat er von den vielen schönen Libellen, welche oberhalb des Wassers ihre Runden fliegen, während derer es auch manchmal zu einer Paarungssituation kommen kann.

Die Libellen, so erzählt die Sage, seien nicht zufällig hier. Sie würden den Geist bewachen, der unter der Wasseroberfläche des Libellensees wohnt. Ob es ein guter oder ein böser Geist ist, weiß man eigentlich nicht, aber sicher ist sicher.

Wenn die Libellen ihre Kreise fliegen, wundern sie sich bisweilen. Eine Gruppe von Menschen taucht auf, lässt sich am Ufer des kleinen Sees nieder. Sie haben Weinflaschen und Gläser dabei, was bei den Libellen nicht weiter komisch vorkommt. Sie wissen, dass intelligente Menschen oft Gläser und Weinflaschen mit sich führen.

Doch einer von den Seebesuchern hat einen Korb dabei, gefüllt mit gerade gesammelten Bergkräutern. Kräuter sind nicht so die Sache der Libellen, sie würden es verstehen, wenn man den Wein zum Käse serviert, aber das mit den Bergkräutern - seltsam sind sie doch, die Menschen.

Sommelière Tanja Gohrke und Küchenchef Thorsten Probost vom Burg Vital Hotel haben sich die Sache einfallen lassen. Probost darf sich als ausgewiesener Fachmann im Gebiet der Kräuter bezeichnen lassen. Er kennt wirklich jedes Gewächs in den Oberlecher Bergen, weiß um seine gesundheitliche Wirkung und um die perfekte Dosierung. "Sauerklee", sagt er zum Beispiel, "kann in großen Dorsierungen giftig wirken." Er ist ein großer Fan des Bergschnittlauchs, verwendet guten Heinrich statt Spinat und sagt: "Wenn der Stengel einer Pflanze mehr als fünf Ecken hat, ist sie wahrscheinlich nicht genießbar."

Wußte ich zum Beispiel nicht. Sie?

Tanja Gohrke fand die Idee, Wein zu Kräutern zu degustieren und auf die Wirkung zu überprüfen, interessanter als das schon lange durchgekaute Thema Wein und Käse. Egal, was die Libellen am Libellensee davon halten, öffnet Tanja erst einmal einen Sauvignon Constantia Glen aus Südafrika. Es ist ein 2011er und noch sehr jung, mit weniger agressiver Frucht als zum Beispiel eine steirische Klassik. Mit Leimkraut funktioniert der Wein erst einmal gar nicht, es wird bitter im Mund. Mit wildem Kümmel gefällt die Frucht des Sauvignons schon eher.

Der nächste Wein: Riesling Smaragd 2007, Alzinger, ist in jedem Fall ein Genuss. Gewagt, den Wein mit wilder Minze zusammen zu bringen, doch das Petrol der Minze macht sich exzellent mit dem reifen Wachauer Riesling. Schließlich öffnet Tanja einen wuchtigen, holzbetonten Chardonnay von Löwengang 2009 von Alois Lageder aus Südtirol. Ein Wein, der den Trinker unter einer Holzlawine begräbt.

Doch Kräuter wie Sauerklee oder andere eher säuerliche Pflanzen geben dem Wein den richtigen Kick.  Es wirkt mit seiner Frische gegen die Üppigkeit des noch sehr jungen Weins. Detto Zahnlavendel und Quendel.

"Wenn ich also merke, ich habe einen Wein, der nicht hundertprozentig zum Essen passt oder mir einfach einen Tick zu heftig ist, kann ich ihm mit ein passenden Wildkräutern eine andere geschmackliche Richtung geben."

Wir trinken aus, die Libellen drehen weiter ihre Runden. Der Geist des Libellensees, oft muss er schrecklichen Durst haben.

www.burgvitalressort.com


Freitag, 19. Juli 2013

Gelangweilt unter dem Rewebogen

Fällt uns etwas auf, wenn wir durch die Innenstädte von Florenz, Paris, Bordeaux oder Amsterdam spazieren und dann durch den ersten Bezirk in Wien? Nirgendwo ist die Dominanz zweier so genannten Lebensmittelketten so sichtbar wie in den teuersten Gegenden Österreichs.

Am Neuen Markt, am Hohen Markt: sie machen sich breit im Auge des Betrachters mit ihren Riesenlogos und Preisschildern, der sich, bevor er sich mit Grauen abwendet, fragt, warum das eigentlich so sein muss.

In Florenz ein kleiner Delikatessenladen neben dem anderen, wo es Gemüse und Wurst oder Wein aus der Toskana gibt, in Paris winzige Geschäfte für Käse, Wein oder Brot, legendär gut sortierte Charcuteries mit locker einem halben Dutzend verschiedener Geflügelsorten. In jedem Bezirk winzige Märkte mit Topware aus dem Meer.

In Wien Billa und Spar. Dass wir von denen nach kürzlich veröffentlichten Studien auch noch richtig abgezockt werden, passt ins Bild. Denn wo ein Monopol ist, darf sich der Kunde keinen Preisvorteil erwarten.

Warum lassen die Österreicher, die Wiener sich diesen langweiligen Einheitsbrei aus Industrieprodukten und camouflage-artig aufgetragenen so genannten "Delikatessen" und Bio-Lebensmittel (wieder aus Massenproduktion) gefallen. Schmeckt ihnen das oder ist es ihnen egal.

Dass bei den Deutschen nur zehn Prozent essen, um zu genießen, während die anderen Neunzig einfach irgendwas reinhauen, um bloß satt zu werden, dieses ernüchternde Ergebnis über die Essgewohnheiten in einer der reichsten Nationen der Welt, lässt sich auf Österreich bedingt umlegen.

Vielleicht sind es bei uns 15 oder 20%. Der Rest schlucht, was ihnen im Supermarkt aufgetischt wird.

Seit einem halben Jahr haben wir in Wien einen Merkurmarkt, der sich, wie es hieß, anschickte, dem Meinl am Graben Konkurrenz zu machen. Um sicher nicht wenig Geld wurde die Kultköchin Kim eingekauft, die seither dort ein kleines Restaurant führt. Ich hatte nie Gelegenheit, beim Merkur am hohen Markt hineinzuschauen. Vor kurzem war ich dort.

Die Eindrücke, Sie werden jetzt nicht überrascht sein, unterboten meine Erwartungen. Viel Gemüse, wenig davon, das sich von der üblichen Massenware unterscheidet. Das Käseangebot eine Lächerlichkeit, die Fischtheke einen geschätzten halben Meter breit, das Fleischsortiment erbärmlich. Zwei Hendeln liegen da: eines trägt ein Schild: "Premium". Und sonst?

Meterweise Softdrinks, Müslis, Fertigpizzen, Abgepacktes, Zelofaniertes.

Gallerie Lafayette, Alsterhaus, Harrods sind Namen, von denen man in Wien nur träumen kann. Statt ihrer machen sich Lebensmittelketten in den teuersten Immobilien der Innenstadt sowie Umgebung breit, weil es für sie in Anbetracht des volatilen Aktienmarktes die beste Anlageform ist.

Samstag, 13. Juli 2013

AUA!

Warum erscheint in unserem kulinarischen Vergnügungsblog eine Geschichte über den mieserablem Kundenservice der AUA? Weil es erstens den Blog "Die schlechtesten Fluglinien der Welt" noch nicht gibt (ich überlege mir allerdings sehr, diesen in Kürze ins Leben zu rufen) und weil wir wissen, dass, wer gut essen will, viel reisen muss.

So landet er dann irgendwann am Flughafen Roissy Charles de Gaulle, einem der häßlichsten Flughäfen Europas.

Hier sitzt er und sagt sich: "Du kannst froh sein. Snowdon sitzt auch auf einem Flughafen fest, doch dieser befindet sich  in Moskau und nicht vor den Toren von Paris. Snowdon ist also schon schlechter dran als du, auch wenn der französische Präseident dir noch keine Bedingungen für ein Asyl gestellt hat. Du brauchst auch kein Asyl in Frankreich.

Denn du wirst nicht von der mächtigsten und gerade ihren Ruf vollkommen torpendierenden Nation mit dem Einsperren oder gar dem Tod bedroht. Es geht dir gut. Du hast nur ein Pech: du bist Passagier der Austrian Airlines."

Wobei es richtigerweise heißen muss: Du hättest Passagier der Austrian Airlines sein sollen. Flug von Bordeaux nach Paris (Sie merken, es geht beim Reisen auch ums Essen und Trinken, denn was tut der Mensch sonst in Bordeaux?). Dann weiter nach Wien. Ein Flug von einer Großstadt zur anderen, einfache Sache, möchte man sagen. Nicht mit den Austrian Airlines.

Erst am Gate erfahre ich, dass der Flug um 20.15 Uhr nach Wien annuliert worden ist. Technisches Gebrechen oder so. Mein Gepäck, darin Medikamente, das letzte frische Hemd sowie ein flüssiges Geschenk der grißartigen Firma Lillet, ist gerade auf dem Weg nach ... wohin eigentlich?

Die Dame am Austrian Airlines-Schalter in 2D (Terminal 2, Abteilung D) schaut mich nicht einmal an, als ich ihr mein Ticket vorlege, dem nun kein Flug gegenübersteht. Man möge sich an die Air France wenden.

15 Minuten Fußmarsch später erfahre ich am Air France-Ticketschalter nach weiteren 15 Minuten , dass ich mich an den Costumer-Service der Air France wenden muss. Dort würde man mich gerne wieder zu den Austrian Airlines zurückschicken. Generell besteht Übercforderung und die Gefahr, dass mir das wunderbare Mittagessen, welches ich in Bordeaux vor ein paar Stunden hatte, hockommt, während das Mädchen hinter der Glaswand vergeblich versucht, einen Alternativ-Flug zu organisieren.

Die AUA, die eigentlich für die Passagiere, die sie aus irgendwelchen Gründen nicht fliegen können, zuständig sind, was tun sie?

Sie tun nichts. Da ist niemand. Die Fluglinie der Österreicher zieht sich aus derAffäre, indem sie einen Flug annulliert. Mehr macht die AUA nicht. Ich erwarte mir keine Sänfte, keine Canapés, keine kleinen Erfrischungen oder einen Aperitif, während ich zwei Stunden am Schalter des so genannten Kundenservices warte.

Ich erwarte eigentlich gar nichts. Die AUA bietet noch weniger. Selbstverständlich ist der Flieger am kommenden Tag um die Zeit ausgebucht. Und selbstverständlich werde ich nicht an mein Gepäck kommen. Denn das ist irgendwo im Nirgendwo zwischen den Terminals des Bösen abgetaucht.

Keine Tabletten - Sie wollen wissen wüfür? Ich verrate es nicht.  Kein Lillet - ich werde Ersatz finden in St.Germain. Kein frisches Hemd - welches Hemd trage ich morgen zu Mittag, wenn die Franzosen den 14.Juli feiern?

Den Austrian Airlines ist das egal.

Am Wiener Telefon höre ich: "Wir sind erst morgen wieder für Sie persönlich erreichbar." Man bietet mir an, es doch unter aua.com zu probieren. Ich lach mich tot, irgendwie.

Das Niveau österreichischer Dienstleistungsunternehmen (von Selbstbedienungstankstellen bis zu Telekom-Providern) hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.




Sonntag, 14. April 2013

Was schmeckt der Comtesse?

Der Wienmarathon am heutigen Sonntag zum Beispiel wäre schon Grund genug, die Stadt schon am Samstag morgen zu verlassen und sich in einem mindestens eine Autostunde entfernten Ort vor den bunten, schwitzenden Massen in Sicherheit zu wähnen.

Ich wähle die Wachau in der Annahme, dass sich von den bunten Trikots keines so sehr aus der stadt aufs Land verlaufen wird, dass es mir auf meinen Sonntagsspaziergängen entgegen schwitzen könnte.

Auch ohne Marathonsonntag wäre allerdings die Reise in die wunderbare Weingegend angezeigt gewesen. Denn das Wachau Gourmet-Festival hatte am Samstagabend im Landhaus Bacher einen seiner vielen Höhepunkte, ein Essen, gekocht von Thomas Dorfer, begleitet von Weinen aus der Steiermark, sowie von älteren Jahrgängen der Weine "M" von F.X.Pichler und Singerriedel von Franz Hirtzberger.

Danach ein paar relevante Bordeaux aus interessanten Jahren. Nicht die Premier Crus. Das ist Klaus Wagner zu einfach. Den Gästen auch zu teuer. Er sieht sich lieber nach lohnenden Deuxièmes um. Es darf auch mal ein drittes oder viertes Gewächs sein. Wir sind keine Etikettentrinker.

Bewundernswert ist wieder einmal nicht nur die Leistung des Küchenteams rund um Thomas Dorfer (und Lisl Wagner Bacher, die wohl nicht ganz zufällig am Pass steht, obwohl sie die Leitung der Küche schon vor längerem an ihren Schwiegersohn abgegeben hat), die eine zunehmende Reife und Konzentriertheit aufweist.

Neben der Auswahl der Weine ist es vor allem die Routine in der Logistik und Ablaufplanung, mit der das Team unter Sommelier Andreas Rottensteiner beweist, dass große Wein-Diners im Landhaus Bacher seit Jahrzehnten zu den alljährlichen Gepflogenheiten zählen.

Sie, verehrte kulinarisch interessierte Leser, waren sicher schon öfter bei Abendessen, bei denen Weine eine über dem Üblichen ausgewiesene Rolle spielen.

Zu jedem Gericht gibt es dann vier Gläser, aus denen in ausreichender Menge rare Exemplare einer Sorte, eines Jahrgangs oder eines Weinguts platziert werden. Doch das wissen Sie, sonst würden Sie nicht hier sein.

Für den Service gleicht eine Veranstaltung dieser Art einem Marathon, allerdings müssen die Servicemitarbeiter dabei weder die Logos von Banken noch irgendwelche Nummern tragen. Nummeriert werden die Gläser, damit sich Einschenker und Gast zurechtfinden. Dann geht es ans Verkosten. Weine an sich, wenn wir nicht von der 2 Euro-Masse aus dem Supermarkt sprechen, sind ja eigenwillige Burschen.

Oder wie es ein Gast am vollkommen ausgebuchten Wachau-Bordeaux-Abend sagte: "Es gibt keine guten oder schlechten Jahrgänge, nur gute oder schlechte Flaschen."

Der  Wein, dieser sture Individualist, lässt sich nicht mal in Jahrgangs-Schemata pressen. Tatsache ist jedoch, dass die guten Wachauer Weißen aus den Jahren 2004 und 2005 zur Zeit in bemerkenswerter Form sind, wie ich bei mehreren Flaschen Riesling (Loibenberg, Schütt) vom Knoll angenehm feststellen durfte, und auch im Landhaus Bacher erlebte, wo sich der schlanke und perfekt balancierte "M" 2004 und der "Singerriedel" 2005 neben den Jahrgängen 2009 und 2003 als Gruppenbeste erwiesen. Eine Formsache. Applaus von den Gästen.

Die Winzer waren leider nicht anwesend und ließen sich diesen entgehen.

Perfekt choreografiert von der wunderbaren Johanna Stiefelbauer und Herrn Rottensteiner, lief das Einschenken, die Erläuterung der Weine im Glas, das Servieren, das Abservieren. Hunderte Gläser wurden gleichzeitig eingeschenkt, dann wieder gereinigt, um kurz darauf wieder vor den Gästen zu stehen. Breitwand-Kino, eine Spartacus-artige Inszenierung mit großer Statisterie.

Thomas Dorfer legt an diesem Abend wieder Spitzenteller hin. Eine Langoustine von unglaublicher, bisher eigentlich in Österreich undenkbarer Frische, einmal gebraten, dann als Tatar. Begleitet von sorgfältig arrangierten Gemüsen, Minisalaten, Avocado und Gurke.

Zum "M" hat er sich ein Gericht einfallen lassen, das ein neuer Klassiker im Landhaus werden könnte: in Entenfett geschmorte Entenmägen, -Herzen und Artischoken. Groß.

Zum "Singerriedel" gibt es Ramsauer Saibling, perfekt gegart und mit einer schönen Begleitung, in der Räucheraal und Kraut eine Rolle spielen.

Der erste Bordeaux-Flight aus dem letzten großen Jahr einer Serie - 1990: Vieux Chateaux Certan, Chateau Gruaud Larose, Chateau Grand Puy Lacoste und schließlich Chateau Lynch Bages. Letzterer erweist sich gerade als echter Marathon-Wein, der immer noch Frische, Strenge, Frucht und Stärke ausstrahlt, während der Grand Puy Lacoste, ebenfalls in sehr guter Form, beim Publikum den meisten Zuspruch fand.

Certan, ein Merlot aus dem Pomerol, wies schon deutliche Erschöpungserscheinungen auf. Der Gruaud Larose allerdings interessant - während der ersten Zeit ließ er den beiden Kollegen aus Pauillac den Vorsprung, zeigte sich verschlossen und müde, um dann im Finish noch einmal ordentlich aufzuzeigen. Mit einer Mischung aus Lakritze, Erdtönen, Kräutern, schwarzen Johannisbeeren und Kirsch.

Die wenigen Flaschen, die ich noch vom Gruaud Larose aus diesem Jahrgang besitze - ich werde sie noch hüten wie den Apfel vom Aug, ebenso wie den Lynch Bages aus dem selben Jahr.

Thomas Dorfer macht dazu ein Gericht aus Kalbszwerchfell, Perigordtrüffel und Zwiebel. Man kann nicht davon lassen, bis es aufgegessen ist.

Die Weine von Chateau Pichon Longueville Comtesse de Lalande zählen nicht zu Unrecht zu den Lieblingen von Patron Klaus Wagner. Robert Parker unterstellt dem Wein aus Pauillac in manchen Jahrgängen sogar "Premier Cru-Qualität zu. Preislich liegt er deutlich unter den Moutons, Latours und Petrus und dann - wenn man sich im Zusammenhang mit diesen Weinen die Trivialität gestatten darf - der Name: Chateau Pichon Longueville Comtesse de Lalande. Opulenz und Hedonismus schon beim Lesen dieser Wortfolge.

Als Star des Abends wurde dann auch der 100-Parker-Punkte Comtesse aus dem an sich schon verherrlichten Jahr 1982 empfunden. Eine Extravaganz, zweifelsohne.

Und was schmeckt der Comtesse an diesem Abend? Markknochen! Gratiniert mit Kräutern, gereicht gemeinsam mit perfekt getoasteten Schwarzbrotscheiben (Plachutta, kommen Sie her und schauen Sie sich was ab!), zu einem Dry-Aged OX-Beef und anderen schönen Kleinigkeiten von unterhalb und oberhalb der Erde. Aber wie gesagt: Markknochen. Darüber in Kürze mehr.

Die Chance, dass ich diesen Wein noch ein zweites Mal im Leben trinken werde, schätze ich ungefähr so groß ein wie die Wahrscheinlichkeit beim nächsten Wiener Stadtmarathon im Schweiß der Massen mitzulaufen.

Von den anderen Weinen gefiel mir der 1989er Comtesse am besten. EIn Bordeaux klassischer Machart, Kaffee, Schokolade, Brombeeren und Kirsche. Das von Parker in seinen nützlichen Aufzeichnungen über Bordeaux erwähnte Toastbrot vergaß ich herauszuschmecken.

Nachspeise: ein Wurf, die neue Interpretation des Themas Scheiterhaufen. Schon ein paar Male gegessen, und bei jedem Mal wird es ein bisschen feiner, delikater.

Es gab dann noch Yquem 86, einen nur einem Insiderkreis bekannten Sauternes, angeblich ein Geheimtipp. Vielleicht, dass ich über einen Besuch auf dem Chateaux und die einem Thomas Mann-Roman gleichende Geschichte der Familie Lur Saluces ein anderes Mal berichte.

(ar)






Dienstag, 2. April 2013

Nachruf auf das Osterei






Ostern ist vorbei. Das hat gerade auch der großartige Wolfram Siebeck in seinem Blog festgestellt. Ihm gefällt das Fest nicht so recht, so las man darinm, denn es beschert ihm ein Wiedersehen mit Verwandten (die man sich bekanntlich nicht aussuchen kann) und deren Kindern (für die gleiches mit umso größerer Bestürzung zu verzeichnen ist).


Siebeck hat weniger ein Problem mit dem Thema Ei, sondern mit dem Ei-Phone, dem Ei-Pad und anderen Gadgets, welche die jungen Leute am Tisch vom Osterschmaus anhalten. Es piept, drückt leuchtet und auf den Bildschirmen der kleinen Dinger finden sich die Schlieren der kleinen Fingerchen, die gerade noch ein Butterbrot schmierten. Unmanierlich, aber leider keine Seltenheit.

Auch ich erinnere mich der fernen Zeiten, als ich vor gefühlten Jahrtausenden das Hören von Musik-Kassetten in Gesellschaft meiner Cousins und Cousinen im Autoradio des Onkels der Nachspeise beim Häupl vorgezogen habe. Gottlob war kein Siebeck mit den Eltern am Tisch, die hätten sich sonst was anhören können über die kulturelle Verwahrlosung ihrer Nachkommenschaft.

Ich selbst sehe die Aktivitäten der Nachkommenschaft von Freunden und Verwandten am Tisch eher entspannt, solange sie mich nicht zwingen, mein Essen und den Inhalt meines Glases vor dem Genuss auf Facebook zu posten und gleich auch zu liken und zu kommentieren.

Was mir eher Sorgen macht, ist die österliche Inflation des Eies.

Sie strebte einem Höhepunkt zu, als am Ostermontag nachmittag in einem burgenländischen Dorf die jugendhaften Vertreter der örtlichen ÖVP auftauchten, um ihren Vorrat an bemalten Eiern zu verteilen, eine Art Restl-Charity, gegen die jegliche Versteigerung einer alten Weinflasche auf e-bay wie eine kulinarische Liturgie wirkt.

Diese Ostereier, so dachte ich, waren auf der untersten Stufe der sozialen Ostereier-Hierarchie angelangt. Sie haben keinerlei Grund, sich über ihre Leidensgenossen, die mit Industriefarbe bemalt, etwa im billigen Plastikbehältnis im Supermarkt angeboten werden, zu mockieren.

Dass Eier weder ein Bewusstsein noch Schamgefühl besitzen, ist in diesem Fall ihr Glück.

Die Welt der Eier ist noch stärker von Ungerechtigkeit, Zufällen und Nepotismus geprägt als die des Menschen und gerade zu Ostern macht sich das besonders auffällig bemerkbar.

So wie Eltern für ihre Kinder hoffen, dass es ihnen einmal besonders gut beziehungsweise besser geht als ihnen, würden das auch Hühner tun, wenn man sie fragte.

"Ich möchte, dass aus meinen Kleinen etwas besonderes wird", würden die Fräulein und Damen Hühner über die Zukunftshoffnungen ihrer Hühnereier sagen, "also sie auf einem Bauernhof ein Bio-Semniar mit sehr gut abschließen, dass sie schließlich als Kaviar-Ei bei Lisl Wagner Bacher oder als Ei mit Perigord-Trüffel-Sauce in der Pariser L'Ambroisie auf den Teller kommen."

Und wenn schon Ostern: Wenigstens sollten sie auf dem Oster-Frühstücks-Tisch von Leuten landen, die sie mit Andacht schälen und danach mit Genuss und etwas Fleur de Sel verzehren. Und die dazu selbst gemachten französischen Salat und Schinken im Brotteig mit Kren nehmen. Und um Gottes Willen kein Trüffelöl.

Leider sieht die Wirklichkeit für 99,99% der Eier anders aus.

Trauriger Tiefpunkt ihres österlichen Kreuzwegs durch die Supermarktregale ist es, wenn sie in die Hände eines lebensweisen Oberlehrers geraten, der während er die letzten Reste der bunt bemalten Schale abzupft, allen erzählt, wie ungesund der Genuss von Eiern eigentlich sei.

Während er dann mit schmerzverzerrtem Grinsen den ersten Bissen vom Köstlichen nimmt, erwähnt er seine Blutwerte und dass er sich den Osterei-Genuss am Nachmittag sicher noch mit einem Waldlauf verdienen werde.

(ar)